Einige Ärzte und Physiotherapeuten der Sportklinik Hellersen aus Lüdenscheid sind in der aktiven Sportbetreuung bei Vereinen und Verbänden sowie bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen engagiert. Im Interview für unser Magazin „Wir in Südwestfalen“ gaben uns zwei Experten einen Einblick in ihre Arbeit mit Spitzensportlern.


Warum Lüdenscheid als Standort der Klinik? Was macht die Sportklinik Hellersen einzigartig und warum gehört sie zu einer der besten Sportkliniken Deutschlands?

Dr. Lasarzewski: Erst mit der Gründung der Sporthilfe NRW 1947 wurde eine Krankenversicherung für Sportunfälle eingeführt. Das Sportkrankenhaus in Lüdenscheid war eines der ganz wenigen, wenn nicht sogar die einzige Klinik in Deutschland, bei der Sportler eine kostenlose und fachgerechte Behandlung in Anspruch nehmen konnten. Die Klinik wurde durch Verbände und Vereine finanziert, die einen gewissen Anteil der Spieleinnahmen, den sogenannten „Sportgroschen“, an die Sporthilfe abgeben mussten.

Dr. Notle: Und das sprach sich rum: Es gab bald eine lange Warteliste mit hunderten von Sportlern, die sich eine Aufnahme in Hellersen erhofften, aber wegen zu geringer Kapazitäten nicht behandelt werden konnten. So wurde das Krankenhaus vergrößert und die häufige Behandlung von gleichartigen Sportverletzungen führte zu einer starken Spezialisierung im Krankenhaus.

Kommen Sie gebürtig aus Südwestfalen? Warum hat es Sie als erfolgreiche Ärzte „aufs Land“ nach Lüdenscheid gezogen?

Dr. Lasarzewski: Nein, ich bin bei Bremerhaven geboren und machte mein Studium in Hannover. 1989 habe ich mich dann für den Job als Assistenzarzt in der Sportklinik Hellersen entschieden, obwohl ich auch eine Zusage in Bremen hatte. Warum? Weil die Sportklinik damals einfach die allererste Adresse war. Da ging man hin, wenn man die Chance hatte – auch als Arzt. Heute fühle ich mich als Lüdenscheider.

Dr. Nolte: Ich komme gebürtig aus Niedersachsen, aus der Nähe von Göttingen. Ich war bereits als Assistenzarzt einmal in Lüdenscheid angestellt. Beruflich war ich aber deutschlandweit unterwegs und war immer dort, wo es, medizinisch gesehen am Besten war. Und so bin ich seit 1996 wieder in Lüdenscheid.

Wie viele Spitzensportler behandeln Sie jedes Jahr? Können Sie uns ein paar Namen berühmter Sportler nennen, die von Ihnen behandelt wurden?

Dr. Lasarzewski: Das sind mal mehr und mal weniger. Die Fussballnationalspielerinnen kommen einmal im Jahr zu Leistungsdiagnostischen Untersuchungen nach Lüdenscheid. Ansonsten betreue ich natürlich vor Ort, je nachdem wo das Länderspiel ist. Ich habe beispielsweise die Australian Open-Gewinnerin Alonda Bondarenko, Lena Magull vom FC Bayern München, einige Spitzensportler aus Osteuropa und die Bundestrainerinnen behandelt. Bis zum Jahr 2007, in dem wir die WM gewonnen haben, kamen regelmäßig auch andere Nationalspielerinnen, denn nicht jede Mannschaft hatte damals einen Mannschaftsarzt. Das ist heute anders.

Dr. Nolte: Auch ich behandle regelmäßig Schützen, Bundesliga-Spieler und -Trainer sowie  Profi-Schiedsrichter. Ich behandle so viele Spitzensportler in meinem Bereich, weil das Vertrauensverhältnis einfach da ist. Dadurch, dass ich seit über 25 Jahren als Verbandsarzt tätig bin, kenne ich alle: Vom Vorstand bis hin zum Kaderschützen und das macht ganz viel aus. Aber selbstverständlich machen Top-Sportler nicht den Großteil der Patienten hier aus, denn nur mit der Behandlung von Berufssportlern würde keine Klinik überleben.

Herr Dr. Lasarzewski, Sie sind Mannschaftsarzt der Fußballnationalmannschaft der Frauen, des Rot-Weiß Lüdenscheid und haben jetzt die Betreuung der Schalksmühler Handballer übernommen. Und das neben Ihrer Stelle als Chefarzt. Das klingt aber auch etwas stressig...

Dr. Lasarzewski: Zum RWL oder zu den Schalksmühler Handballern gehe ich nicht mehr so regelmäßig zu allen Spielen - einfach weil es auch zeitlich durch den Chefarztposten nicht immer möglich ist. Von 1999 bis 2005 war ich alleiniger Mannschaftsarzt der Nationalmannschaft, heute betreue ich die Mannschaft noch mit drei weiteren Kollegen. Denn der zeitliche Aufwand ist schon recht hoch: bei der Vorbereitung auf ein Länderspiel zum Beispiel, trifft man sich schon drei bis vier Tage vorher vor Ort und wir kümmern uns rund um die Uhr um die Gesundheit der Spielerinnen. Man muss wirklich 24 Stunden abrufbereit sein. Bei den Olympischen Spielen beispielsweise, ist man über 4 Wochen jeden Tag zusammen - von morgens bis abends. Aber ich bin dankbar, dass ich so etwas miterleben darf. Das ist schon sehr beeindruckend. Ich bin auch dem Sportklinikum Lüdenscheid sehr dankbar, dass ich für diese Spiele freigestellt wurde.

Wie oft sehen Sie die Elite-Kickerinnen? Kommen Sie zu Ihnen nach Lüdenscheid oder sind Sie  oft vor Ort?

Dr. Lasarzewski: Nicht mehr so oft, wie früher. Dieses Jahr sehe ich die Kickerinnen noch zweimal, da dieses Jahr nur 6 Länderspiele anstehen. Da bin ich dann vor Ort, je nachdem wo das Länderspiel ist.

Entscheiden Sie mit wer auf dem Spielfeld steht?

Dr. Lasarzewski: Nur wenn es medizinische Gründe gibt. Dann kann ich die Spielerinnen rausnehmen. Ansonsten halte ich mich aus der Aufstellung schön raus (lachend).

Herr Dr. Nolte, wie kam es dazu, dass Sie Verbandsarzt des deutschen Schützenbundes geworden sind? Haben Sie selber eine Verbindung zu der Sportart oder war das eher Zufall?

Dr. Nolte: Wie das so im Leben ist, wurde ich Verbandsarzt durch eine Aneinanderreihung von Zufällen. Bereits in meiner Assisstenzarzt-Zeit, 1988 in Lüdenscheid, hatte ich großes Interesse an Sportmedizin und habe in die Orthopädie gewollt. Ich fing dann bei der Sportklinik Hellersen an, weil sie auch damals schon einen guten Ruf hatte. Mein damaliger Chef hier war im Schieß-Sport aktiv und suchte einen Begleiter. So kam ich dann zu den Schützen und bin bis heute geblieben. Als Jäger hatte ich auch schon die Verbindung zu diesem Sport.

Sie waren als betreuender Arzt, speziell als Verbandsarzt des Deutschen Schützenbundes, bei den Olympischen Spielen in Athen, London und 2016 auch in Rio de Janeiro vor Ort. Ihre Schützen waren sehr erfolgreich und erzielten das beste Resultat, das der Deutsche Schützenbund jemals bei Olympischen Spielen erzielt hat. Wie war das für Sie?

Dr. Nolte: Rio war Wahnsinn! Die einzelnen Schützengattungen, Gewehr-, Bogen-, oder Pistolenschützen, sind i.d.R. getrennt voneinander. Dadurch, dass die Olympiateilnehmer der einzelnen Schützengattungen gemischt wurden, d.h. beispielsweise in einem Hotelzimmer geschlafen haben, kam ein unglaublicher Teamgeist auf. So war es bei Barabara Lechner, die mit dem Luftgewehr knapp eine Medaille verfehlte und „nur“ Vierte wurde, was sie unglaublich geärgert hat. Aber man puschte sich gegenseitig und im Dreistellungskampf mit dem Kleinkalibergewehr holte sie dann Gold. Durch diesen Teamgeist kamen diese wirklich maximalen Erfolge raus. 18 Athleten haben 5 Medallien geholt - einfach Wahnsinn.

Meinen Sie die Schützen wären so weit gekommen, wenn Sie nicht da gewesen wären?

Dr. Nolte: Ja, auf jeden Fall. Auch wenn die Psychologie hier ganz viel ausmacht. Der Schützenbund ist einfach eine große Familie, ohne Konkurrenzkampf, dafür mit Freundschaften. Weil ich alle kenne, finden natürlich auch Gespräche auf persönlicher Ebene statt, die sehr wichtig sind. Das ist nicht nur Medizin, ich bin auch ein Freund und Ratgeber und versuche, negativen Stress und Druck abzubauen.

Welcher war der bewegendste oder aufregendste Moment bei den Olympischen Spielen oder auch bei anderen Wettkämpfen?

Dr. Nolte: Einer der Goldschützen in Rio wollte mir seine Medaille um den Hals hängen und sagte, die sei auch ein bisschen für mich. Das war schon was sehr Besonderes.

In einer aktuellen Umfrage der Deutschen Krankenversicherung, sitzen wir bedenklich viel und immer weniger Menschen erreichen das empfohlene Mindestmaß an körperlicher Aktivität. Dr. Nolte, Sie sind über 20 Jahren Rückenspezialist: Beobachten Sie vermehrt Rückenprobleme, die darauf zurück zu führen sind?

Dr. Nolte: Ja, zu viel Sitzen ist für den gesamten Bewegungsapparat eine Katastrophe. Aber die Entwicklung in der Welt geht leider dahin. Die Menschen müssen verstehen, dass moderater Sport für die Gesundheit unabdingbar ist. Ich sehe es ja in meiner täglichen Arbeit: Menschen, die Sport treiben sind fitter und gesünder.  

Sie sind durch Ihren Job als Chefarzt und durch Ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten als Mannschafts- und Verbandsarzt zeitlich sehr eingebunden. Haben Sie selber noch Zeit für Sport? Und wenn Sie Zeit finden, was ist Ihr persönlicher sportlicher Ausgleich?

Dr. Lasarzewski: Zeit für Dinge, die man gerne machen möchte, hat man. So ist es auch beim Sport. Alles andere sind Ausreden. Ich bin immer gerne joggen gegangen und habe auch mal Tennis gespielt, aber ich nehme mir momentan einfach nicht die Zeit dafür (lachend).

Dr. Nolte: Natürlich – ich hab es ja kapiert (lachend). Ich habe ein Fahrrad immer im Auto und fahre täglich damit zur Arbeit. Das macht mir nicht nur Spaß, sondern ist auch Ausgleich für mich. Denn Sport ist die beste Medizin.

Quelle: Südwestfalen Agentur, Stand: 27.10.18